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Die Erlöserkapelle in Mirbach

Die Erlöserkapelle in Mirbach

Mirbach und die Herren von Mirbach

Der Ort Mirbach liegt im Tal des Mirbaches in der Eifel zwischen den Orten Wiesbaum und Dollendorf. Der Mirbach mündet nördlich des Ortes in den Lampertsbach, welcher wiederum oberhalb von Ahrhütte unweit der Ruine der Burg Dollendorf in die Ahr fließt. Östlich des Ortes verläuft die Grenze zwischen den Bundesländern Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Der nordöstlich benachbarte Ort Dollendorf gehört bereits zur Stadt Blankenheim im nordrhein-westfälischen Kreis Euskirchen. Mirbach selbst gehört zur Ortsgemeinde Wiesbaum, Verbandsgemeinde Hillesheim, im rheinland-pfälzischen Kreis Daun. Auch kirchlich gehört Mirbach zur Pfarrei Wiesbaum

Zu den alteingesessenen Adelsgeschlechtern der Eifel gehören die Herren von Mirbach. Der Familienname „Merbek“ bzw. „Mirbek“ tritt –nach Ernst von Mirbach (1887)- bereits seit dem 11.Jahrhundert in Brabant auf: ein Zusammenhang mit der Eifeler Familie von Mirbach sei allerdings nicht feststellbar (v.Mirbach 1887, S.3f). Diese wird erstmals in einem Verzeichnis der Besitzungen des Klosters St.Thomas an der Kyll von 1378 erwähnt: um 1220 / 1250 habe ein Ritter Theodorich (Dietrich) von Mirbach, seine Frau Judith und sein Bruder Johann dem Kloster ein Gut in der Nähe von Wiesbaum.
Die Mirbacher Herren waren Lehensleute der Gaugrafen von Are und später die Grafen und Herzöge von Jülich, ferner der Grafen von Blankenheim und Manderscheid-Blankenheim, sowie der Kölner und Trierer Erzbischöfe. Ihre Wappen tauchen in der Fensterrose der heutigen Kapelle auf. Das Herrschaftsgebiet der Herren von Mirbach war nie groß. In der Gegend von Mirbach selbst haben die Besitzungen der Familie „nachweislich kaum mehr als 400 Morgen betragen“. Eine Burg hat es –entgegen Ernst von Mirbachs Vermutungen- in Mirbach nie gegeben. Der Mirbacher Besitz bestand aus zwei Hofgütern, dem Oberen oder Simonshof und dem Unteren oder Clausenhof. Größere Besitzungen lagen bei Wiesbaum, weitere Höfe sind u.a. auch in Üxheim, Udelhoven, Dollendorf, Ripsdorf, Feusdorf, Birgel, Lissendorf, Kerpen, Dankerath und Trierscheidt nachweisbar.
Das Wappen der Familie von Mirbach zeigt ein silbernes achtendiges Hirschgeweih mit Schädelstück.
Die Mirbachs waren „höchstens bis gegen Ende des 14.Jahrhunderts“ in dieser Gegend ansässig, „dann aber nur noch vorübergehend“. Ihr Leben „war äußerst einfach und bäuerlich und entspricht nicht die Vorstellungen, die man sich meist aus der Blüthezeit des Mittelalters von dem glänzenden, poetischen Leben auf den stolzen Ritterburgen macht“ (v.Mirbach 1903, S.36). Seit dem 14.Jahrhundert ließen sich die Herren von Mirbach zunehmend in den benachbarten Städten nieder. Heynze von Mirbach (1340 – 1408) scheint bereits u.a. in Blankenheim und Münstereifel ansässig gewesen zu sein. Mit Sicherheit wohnte sein Sohn Heinrich der Alte (1370 – 1448) in diesen Städten, aber auch vorübergehend in Gerolstein, auf Burg Kerpen und auf Burg Irnich. Dazu besaß er in Kerpen den Mirbacher Hof unterhalb der Burg.

Dieser Heinrich der Alte war der letzte Mirbacher, unter dem die Besitzungen in Wiesbaum und Mirbach in einer Hand lagen. Unter seinen zwei Söhnen spaltete sich die Familie in zwei Hauptlinien auf. Clais der Alte der ein nicht nur für die damalige Zeit außerordentliches Alter von 108 Jahren erreichte (1405 – 1513!)- der in Münstereifel lebte, bekam die Besitztümer Wiesbaum. An Clais erinnerte am 1971 abgerissenen Hof der Herren von Mirbach in Hillesheim ein Wappenstein mit der Jahreszahl 1479: in diesem Jahr wurde er vom Trierer Erzbischof Johann II. für ein Darlehen von 2000 rheinischen Goldgulden zum Pfandherren und Amtmann des seit 1352 trierischen Amtsstädtchens Hillesheim ernannt.  Sein Bruder Heinrich der Junge, der zumeist in Immendorf bei Geilenkirchen ansässig war (um 1412 – um 1480) erhielt die beiden Hofgüter in Mirbach. Die von ihm abstammende Sophia von Nievelstein, geborene von Mirbach-Immendorf, war die letzte Mirbacher Besitzerin der beiden Höfe in Mirbach. Sie verkaufte diese 1595 an die Familie ihres Schwagers, der Familie von Rechtersheim. Der Besitz der auf Clais den Alten zurückgehenden Mirbacher Linie in Wiesbaum befand sich noch bis 1616 im Besitz der Familie.

Ein Urenkel Clais’, Emmerich I. von Mirbach, zog um 1550 nach Kurland. Von ihm stammen zwei für den späteren Kapellenbau in Mirbach abstammende Linien relevant: eine preußische, protestantische, und eine bayerische, katholische, relevant.

Ernst von Mirbach

Ernst Otto Karl Ludwig Adolf Frhr. von Mirbach wurde am 24.Dezember 1844 in Düsseldorf geboren. Er war der älteste Sohn des Otto Magnus von Mirbach und seiner aus Darmstadt stammenden Frau Antoinette, geb. Schenck. Otto Magnus von Mirbach wurde als preußischer Regierungsrat häufig versetzt, so daß Ernsts schulische Ausbildung an mehreren Orten –Darmstadt, Trier, Posen und Berlin- stattfand. In den 1850er Jahren war Otto Magnus von Mirbach preußischer Vize-Regierungspräsident in Trier. In dieser Zeit unternahm er Dienstreisen in die Eifel, auf denen ihn der junge Ernst begleitete. Noch nach Jahren erinnert sich dieser –romantisch verklärt- an diese Reisen:

„Mein Vater erzählte mir von der Geschichte des Landes. Daß auch unsere Vorfahren hier gewohnt hatten, erfüllte mich mit hohem Stolze, und mir schien das Ritterleben und die Burgen in romantischem Zauber verklärt. Ich betrat den geweihten Boden meiner Ahnen auf einer Wiese an alten, ein bis zwei Meter hohen und starken Mauerresten, die in weitem Halbkreise knorrige Eschen umgaben. Das war die „Burgwiese“ und die letzten Reste der Burg Mirbach. Überall träumte ich mich in das Leben meiner Vorfahren und der Ritter hinein, es erschien mir als Ideal, ein solches Leben in irgend einer Weise einmal in der Eifel fortzusetzen“.

Nach dem Abitur in Berlin leistete Ernst von Mirbach seinen Militärdienst beim preußischen Garde-Füsilier-Regiment, dem „Maikäfer-Regiment“. Über diesen für die Ikonologie der Kapelle bedeutsamen Spitzname heißt es, einige Maikäfer suchende Jungen solle das zum Regimentsexerzieren anmarschierende II. Bataillon als „Maikäfer“ begrüßt haben. Der Name übertrug sich auf das ganze Garde-Füsilier-Regiment, und der Maikäfer zierte u.a. das offizielle Briefpapier des Regiments. Ernst von Mirbach zeichnete sich in den Feldzügen 1864, 1866 und 1870/1871 auf und widmete dem Regiment später eine Sammlung „Lieder für Soldaten“.

1872 heiratete Ernst von Mirbach die aus Lüttich stammende Camilla Orban. Ihre Söhne Magnus, Werner und Siegfried wurden 1875, 1877 und 1884 in Berlin und Potsdam geboren. 1882 wurde Ernst von Mirbach Kammerherr bei Prinz Wilhelm von Preußen und seiner Gemahlin Auguste Victoria. Nach der Thronbesteigung Wilhelms II. stieg er 1888 zum Oberhofmeister der Kaiserin Auguste Victoria auf. Zu dieser Funktion gehörte u.a. die Koordination des vielfältigen sozialen und karitativen Engagements der Kaiserin und ihre Vertretung in zahlreichen unter ihrem Protektorat stehenden Vereine. Ein besonderes Anliegen der Kaiserin war der Kirchenbau in der rasch expandierenden Hauptstadt, der ihr den Spitznamen „Kirchenjuste“ eintrug. Durch ein dichtes Netz von Kirchen und kirchlichen Einrichtungen sollte insbesondere die Arbeiterschaft enger an die Institutionen von Thron und Kirche gebunden werden. Insofern können die zahlreichen von Auguste Victoria in und um Berlin initiierten und oftmals in ihrer Gegenwart eingeweihten Kirchen auch als Demonstration gegen den stärker werdenden Einfluß von Sozialdemokratie und Liberalismus verstanden werden.

1888 –noch vor der Thronbesteigung Wilhelms II. und Auguste Viktorias- wurde ein unter dem Protektorat Auguste Viktorias stehender Evangelisch-Kirchlicher Hilfsverein gegründet. 1890 übernahm sie, bereits als Kaiserin, ebenfalls das Protektorat über den Kirchenbau-Verein für Berlin. Die Aufgaben der Vereine bestand vor allem in der Sammlung von Geldern zum Bau evangelischer Kirchen und kirchlichen Einrichtungen, wie Kinderkrippen, Waisenhäusern und Schulen. Ernst von Mirbach wurde in beiden Organisationen als Vertreter der Kaiserin im Vorstand ernannt: „Der Kirchenbau wurde (...) sein eigentlicher Beruf“ (Gundermann, S. 5). Bis 1903 wurden in und um Berlin 53 neue Gotteshäuser eingeweiht, darunter 39 unter dem Patronat der Kaiserin. Die bekannteste von ihnen dürfte wohl die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche sein, die freilich nicht als Beitrag zur Behebung der Kirchennot in Berlin verstanden werden kann, sondern als Denkmalskirche, als Erinnerungsmonument für Kaiser Wilhelm I. Zahlreiche Kirchen wurden mit Unterstützung des Kirchbau-Vereins auch an anderen Orten erbaut, darunter im Rheinland die evangelischen Kirchen von Honnef und Gerolstein. Über Mirbachs Aktivitäten kursierte ein Witz, in dem ein Berliner Straßenjunge einem glatzköpfigen Herrn, der den Hut zog, zurief: „Nehmen Sie sich in Acht, wenn der Mirbach den freien Platz auf Ihrem Kopf sieht, baut er Ihnen eine Kirche dahin“.

Ernst von Mirbachs Sammeleifer war jedoch nicht unumstritten, und Angriffe gegen ihn kamen durchaus nicht nur aus den Reihen der Sozialdemokratie, sondern auch aus dem Umfeld des Hofes und aus der Beamtenschaft. Mirbach hatte auch freisinnig und liberal eingestellte Persönlichkeiten um Spenden gebeten und war nun dem Vorwurf ausgesetzt, er sammele „Judengeld“ – ein Vorwurf, den er mit dem Hinweis konterte: „Wenn früher von Juden zu guten Zwecken wenig oder nichts gegeben wurde, dann wurden sie von jener Seite beschimpft. Wenn sie jetzt etwas geben, dann beschimpft man sie und die, welche die Gaben annahmen, noch mehr“ (zit. nach: Gundermann S.12). Mirbach wurde ferner vorgeworfen, Spendern Titel und Orden versprochen zu haben, und ihm wurde sein ungeschicktes Verhalten bei der Sammlung von Spenden für den Mosaikschmuck der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, welchen er zur Silberhochzeit des Kaiserpaares 1906 fertigstellen wollte, sowie seine Verwicklung in eine Affäre um die Pommersche Hypothekenbank, der er eine Spende von 325 000 Mark quittiert hatte, ohne die Spende erhalten zu haben und deren Verbleib nie geklärt wurde, angelastet. Ludwig Thoma verfasste ein Spottgedicht „Pommernbank-Alphabet“, in dem er auch Ernst von Mirbach aufs Korn nahm:

„Der Eifer für die Kirche ist ein glattes Eis für manchen Christ.
(...)
Von Mirbach achtet nicht den Spott;
Er tat es für den lieben Jott“.

Der unter Beschuss geratene Ernst von Mirbach reichte beim Kaiser im Juli 1904 sein Abschiedsgesuch ein. Wilhelm II. lehnte dies –auf Intervention der Kaiserin- zwar ab, jedoch zog er sich aus seiner Vereinstätigkeit weitgehend zurück. 1907 übernahm er das Kuratorium der Kaiserin-Auguste-Victoria-Stiftung auf dem Ölberg in Jerusalem, einem Hospiz und Erholungsheim u.a. für deutsche Geistliche, Missionsarbeiter und Diakonissen.

Ernst von Mirbachs historisches und genealogisches Interesse war nicht nur romantisierend und verklärt, sondern auch systematisch. Er sammelte Material aus deutschen, französischen, belgischen und kurländischen Archiven und gab zwei familiengeschichtliche Werke heraus: „Die Freiherren und Grafen von Mirbach“ (1887) und „Geschichte des Geschlechtes Mirbach“ in zwei Bänden (1903 / 1911 / 1914 – 1918).

1914 schied Ernst von Mirbach bei Hof aus. Er starb am 6.April 1925 in Potsdam.

Die alte Mirbacher Kapelle

Die nach dem Kapellenneubau in Mirbach bis 1906 abgetragene alte Kapelle lag auf dem Friedhof östlich unterhalb der neuen Kapelle. Ihr Hauptpatron war der Sebastian, Nebenpatrone Hubertus und Luzia. Ernst von Mirbach beschreibt den bescheidenen Bau ausführlich (v.Mirbach 1903, S.5 – 9). Es handelte sich um einen einschiffigen Saal „von außerordentlicher Schlichtheit“ mit einem eingezogenen Chor.

Mirbach ließ die Frage offen, ob der Bau insgesamt um 1200 erbaut wurde und nach 1400 erneuert wurde, oder ob das Langhaus noch dem 13.Jahrhundert entstammte und nach 1400 um Chor und Sakristei erweitert wurde. Tatsächlich dürfte es aber so sein, daß Chor und Sakristei um 1500 und das Langhaus noch später entstand und 1716 erneuert wurde. Teile des Mauerwerkes waren mit römischem Material durchsetzt.

Die Ausstattung umfaßte u.a. drei barocke Holzaltäre, Figuren der hl.Luzia (16.Jh.) und der hl.Anna und ein Vesperbild (15.Jh.). Vor dem Altar befand sich 1852 eine Messingplatte mit den Namen hier begrabener Mirbachs. Die Kapelle muß also im Mittelpunkt auch als Mirbach'sche Grablege gedient haben. Die Platte verschwand vor 1860, ohne daß die darauf verzeichneten Namen festgehalten worden waren.

Die wertvolleren Gegenstände nahm Ernst von Mirbach nach dem Abriß der Kapelle mit nach Potsdam, wo u.a. der Hochaltaraufsatz zu einem Spiegelrahmen umfunktioniert wurde. Ein aus der Kapelle stammendes Sakramentsschränkchen „im Style des Altares“ wurde 1899 von Ernst von Mirbach in einem Privathaus entdeckt und aufgekauft. Das Vesperbild gelangte später in das Gerolsteiner Heimatmuseum. Die Figur der hl.Luzia wurde in die neue Kapelle verbracht, wo sie 1969 gestohlen wurde, so daß in der neuen Kapelle vom Inventar der alten Kapelle nur noch zwei Bänke im hinteren Langhausteil, sowie Kreuz und Wetterhahn auf dem Treppentürmchen am Familienanbau erinnern.

Der Kapellenbau in Mirbach

Der schlechte Zustand der alten Mirbacher Kapelle, aber auch das Bedürfnis, den Stammsitz seiner Familie würdiger und repräsentativer zu gestalten, veranlaßte Ernst von Mirbach, eine Restaurierung zu erwägen:  „Wie schön, wenn die Familie diese kleine Kapelle auf den Höhen des einsamen romantischen Eifel herstellen ließe als Denkmal unseres Geschlechtes“ (v.Mirbach 1887, S.13). Es erwies sich aber, daß eine Wiederherstellung nicht möglich war, und so begann man 1890 mit Verhandlungen um einen völligen Neubau.

Dabei sollte ursprünglich die Stelle der alten Kapelle beibehalten werden und auch in etwa deren Grundriß: „Indessen erwies sich nach Anfertigung der ersten Skizzen der Platz als zu ungünstig und unschön gelegen und auch als zu klein“ (v.Mirbach 1903, S.9). Der letztendlich gewählte Platz liegt 35 Meter westlich der alten Kapelle und ist so gewählt, daß man von der unterhalb vorbeiführenden Straße einen freien Blick auf die Kapelle hat.

Den Entwurf und die Baupläne der neuen Kapelle lieferte der Berliner Geheime Oberbaurat Max Spitta „als Freundesgeschenk“ (v.Mirbach 1903, S.9). Spitta war durch zahlreiche Kirchenneubauten in Berlin, darunter die Auenkirche, die Golgathakirche, die Neue Nazarethkirche und St.Johannes Evangelist in Erscheinung getreten. Das Sebastianspatronzinium der alten Kapelle wurde aufgegeben. Anstattdessen wurde die Kapelle „unserem Herrn Jesus Christus, unserem Erlöser geweiht, in Erinnerung an die von Seiner Majestät dem Kaiser Wilhelm II. in Jerusalem erbaute Erlöser-Kirche“, aber auch „zum Gedächtniß an den Todestag der (...) heimgegangenen Gräfin Gabriele von Geldern-Egmont, die in Leid und Freud ihren Erlöser im Herzen trug“ (v.Mirbach 1903, S.2).

Der Bau der Kapelle wurde 1898 vom Kaiser „Allergnädigst gestattet und die Pläne von Allerhöchstdemselben am 8.März 1899 geprüft und durch eigenhändige Unterschrift genehmigt.

In besonderem Ausmaße und mit großzügigen Spenden engagierte sich Ernst von Mirbachs katholische Kusine, Gräfin Gabriele von Geldern-Egmont (1847 – 1899) für den Kapellenbau, „wenn sie nicht überhaupt die eigentliche Initiatorin war“ (Wagner 1980, S.6). Sie und ihre Mutter, Freifrau Elisabeth von Mirbach, leisteten 1892 mit einem Altarkelch, einem Altarkruzifix und vier Altarleuchtern die erste Stiftung. Den eigentlichen Kapellenbau erlebte Gräfin Gabriele nicht mehr, aber im Bildprogramm der Kapelle wird mehrfach an sie erinnert.

Die Mittel zu Bau, Ausstattung und Erhaltung der Kapelle wurden, wie Ernst von Mirbach betonte, „nur durch Geschenke zusammengebracht“ (v.Mirbach 1903, S.1). Insbesondere die Mitglieder des Evangelisch-Kirchlichen Hilfsvereins und des Evangelischen Kirchenbauvereins trugen reichliche Spenden zum Kapellenbau bei, ebenso Mitglieder der Familien von Mirbach und Orban. Unter den Stiftern befanden sich auch Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria, die u.a. den Altar und die Verglasung der Fensterrose beisteuerten.

Mit dem Bau wurde am 9.April 1902 begonnen. Am 4.Mai fügte Ernst von Mirbach einen Gedenkstein in Erinnerung an den Geburtstag seines verstorbenen Vaters ein. Am 24.Juni fand die Grundsteinlegung statt. Am 12.Dezember 1902 starb Max Spitta. Der Außenbau der Kapelle war annähernd vollendet. An seiner Stelle übernahm auf Bitte Ernst von Mirbachs hin Baurat Franz Schwechten die Leitung, der in Berlin u.a. den Anhalter Bahnhof, den Grunewaldturm und die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche erbaut hatte, und der später die Gerolsteiner Erlöserkapelle und die Turmportale der Kölner Eisenbahnbrücken erbaute. Schwechten zeichnete vor allem für die Gestaltung des Inneren verantwortlich.

Die Oberaufsicht über die Bauausführung lag bei dem Gerolsteiner Kreisbaumeister Krahe. Die örtliche Bauleitung oblag zunächst bis Dezember 1902 dem Architekten Richard Brentzel (Berlin) und ab 1903 der Potsdamer Hofmaurermeister Grabowsky. Die künstlerische Ausstattung der Kapelle wurde ebenfalls überwiegend an Berliner Künstler übertragen.

Die anspruchsvolle und aufwendige Gestaltung der Kapelle und die Berücksichtigung Berliner Künstler bei der Ausführung zog auch Kritik auf sich: „Der Eifeldom, ‚die Erlöserkapelle’ macht den Eindruck einer aufgedonnerten Berlinerin, welche zwischen Eifelkinder in ihren althergebrachten Trachten geraten ist“, so Ernst von Oidtmann 1913 (zit. nach: Wagner 1980, S.7).

Die Bauausführung warf erhebliche Probleme auf, wie Ernst von Mirbach berichtet: „Mirbach ist ein entlegener Ort, die nächste Bahnstation Lissendorf über eine Stunde entfernt, der Weg dorthin nicht gut. Nirgends findet sich in der Nähe von Mirbach gutes Baumaterial. Alles mußte von weither per Bahn herangeschafft und dann per Achse and die Baustelle transportiert werden“ (v.Mirbach 1903, S.27).

Die Einweihung der Kapelle fand am 25.September 1903 unter großem Aufwand und mit zahlreichen Mitgliedern der Familie von Mirbach und Ehrengästen statt. Mehrfach äußerte sich Ernst von Mirbach enthusiastisch über „die leuchtend schöne, stattliche Kapelle“ (v.Mirbach 1903, S.3), die „ein Kunst- und Meisterwerk ersten Ranges geworden ist“ an dem man „an jeder einzelnen Stelle die Liebe und Sorgfalt erkennt, die darauf verwendet wurde“ (v.Mirbach 1903, S.28). Kaiser Wilhelm II. besuchte am 20.Oktober 1906 die Kapelle und ließ Ernst von Mirbach wissen: „Ich habe mich über Ihre Kapelle in Mirbach sehr gefreut, ich finde den Bau sehr gelungen und gratuliere Ihnen dazu“ (zit. nach: Wagner 1980, S.7).

Die Kapelle verblieb im Eigentum des Freiherrn von Mirbach und wurde von diesem, außer dem Familienanbau, der Filialgemeinde Mirbach zur Benutzung überlassen. Am 19.September 1956 schenkte der Sohn Ernst von Mirbachs, Werner von Mirbach die Kapelle der Kirchengemeinde Wiesbaum/Mirbach. Die Kapelle wurde 1956 – 1959 und 1974 – 1975 restauriert.

Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang auch die evangelische Erlöserkirche in Gerolstein. Die Errichtung der Mirbacher Erlöserkapelle „machte es gewissermaßen zur Pflicht, auch für die noch bedürftigeren Evangelischen ein schönes Gotteshaus errichten zu lassen“ (v.Mirbach, zit. nach: Daners 2000, S.6). Ernst von Mirbach setzte sich massiv für einen aufwendigen Kirchenneubau ein und konnte sich auch mit Drohungen, „mit allen erforderlichen Mitteln die Errichtung der zu erzwingen“ (Daners 2000, S.4) gegen das zuständige Königliche Konsistorium der Rheinprovinz in Koblenz durchsetzen, welches aufgrund der geringen Gemeindestärke einen bereits bestehenden Betsaal für ausreichend hielt. Die ungewöhnlich aufwendige Gerolsteiner Erlöserkirche wurde im Auftrag des Evangelischen Kirchenbauvereins 1911 – 1913 nach Plänen von Franz Schwechten erbaut. Im östlichen Kreuzarm erscheinen die Wappen Ernst von Mirbachs und Camilla Orbans.

Das Äußere der Kapelle

Die Erlöserkapelle ist ein einschiffiger, in neuromanischen Formen gehaltener Saalbau. Das äußere Erscheinungsbild läßt zunächst auf eine kreuzförmige Anlage schließen, ein Eindruck, der sich erst im Inneren korrigiert. An ein Langhaus schließt sich ein schmaleres Chorjoch an. Beiderseits des Chorjoches befinden sich Anbauten: ein Sakristeianbau, der auch eine Orgelempore aufnimmt, an der Nordseite, und ein Familienanbau im Süden, in dem sich im Erdgeschoß die Familienloge der Familie von Mirbach und ein Vorraum und im Obergeschoß ein Versammlungszimmer befinden. Diese Anbauten treten außen als Querschiff in Erscheinung. Das Chorjoch bildet so eine „Vierung“ auf der sich ein achteckiger Turm erhebt. Den östlichen Abschluß bildet eine halbrunde Apsis.

Die nach Süden und Osten[1] zeigenden Seiten der Kapelle sind als Schauseiten gestaltet. Die Bewegtheit des Baukörpers bietet aus der Fernsicht, der Formenreichtum und die Bauplastik dem Näherkommenden ein repräsentatives Bild.

Das Langhaus ist durch Lisenen dreijochig gegliedert. Das östliche und das mittlere Joch, getrennt durch einen stämmigen Strebepfeiler, weisen je zwei Rundbogenfenster auf. Dem westlichen Joch ist eine weit auskragende, niedrige Vorhalle mit großem Rundbogenportal vorgelagert. Das Gewände dieses Portals ist als umlaufender Wulst mit einem aufwendigen Rankenfries gestaltet. In das Rankenwerk sind ganz oben das Christusmonogramm, links Kelch und Taube und rechts die deutsche Kaiserkrone eingearbeitet. Der Rundbogen des Portals wird von einem ebenfalls rundbogig geführten Mosaikband überfangen, dessen Inschrift „FUERCHTE DICH NICHT ICH HABE DICH ERLOESET DU BIST MEIN“ aus dem Lieblingsspruch der Gräfin Gabriele von Geldern-Egmont stammt. Die Tür, Eichenholz, mit aufwendigen Eisenbeschlägen und bronzenen Löwenköpfen ist eine Stiftung des Berliner Fabrikbesitzers Albert Gossen. Rechts des Portals erinnert ein am 4.Mai 1902 von Ernst von Mirbach gelegter Stein an den Geburtstag seines Vaters. Links des Portals bezeichnet ein am 25.September 1903 gelegter Stein das Datum der Einweihung der Kapelle.

Die reich gestalteten Ostteile der Kapelle mit den querhausartigen Anbauten und dem Chor sind außen durch ein durchlaufendes Gesims zweigeschossig gegliedert. Die Stirnseite des südlichen „Querhauses“, des Familienanbaus, ist besonders aufwendig gehalten. Im Untergeschoß öffnen sich drei gerade geschlossene, von flachen Doppelbogenblenden überfangene Fenster aus dem Vorraum neben der Familienloge. Das Obergeschoß mit dem Versammlungszimmer ist durch drei gekuppelte Rundbogenfenster, deren Bögen auf zwei zierlichen Säulchen stehen, und die von einer großen Rundbogenblende überfangen werden, besonders markant gestaltet. Das große Bogenfeld über den Fenstern ist mit Flechtwerk gefüllt. Es trägt die Wappen Ernst von Mirbachs und seiner Frau Camilla Orban, und Jahreszahl 1872 –das Jahr ihrer Hochzeit- unter einer Freiherrenkrone. Unter dem Fenster befindet sich der Schriftzug „ERLOESER + KAPELLE“, um das das Geschoßgesims dreiseitig herumgeführt ist. Der Giebel trägt ein Jerusalemer Kreuz.

An der südöstlichen Ecke des Familienanbaus gibt ein Treppentürmchen der Silhouette der Kapelle eine besonders bewegte Note. Dieses Türmchen ist bis knapp über Traufhöhe des Familienanbaus quadratisch, um dann in einen runden Abschluß unter einem kegelförmigen Helm überführt zu werden. In diesem runden Turmabschluss öffnen sich drei von Kreisblenden umfangene stehende Vierpassfenster. In markanter Position an der südöstlichen Ecke des Türmchens steht über dem Geschoßgesims in einer flachen Nische die Gestalt eines Engels, der nach Ernst von Mirbachs Angabe die Gesichtszüge der Gräfin Gabriele von Geldern-Egmont als junges Mädchen trägt. Unter dem Gesims unterhalb der Engelsgestalt befindet sich der Schriftzug „AVE MARIA“, über der Figur ein Baldachin.

Das Türmchen wird von Kreuz und Wetterhahn der alten Mirbacher Kapelle bekrönt.

An der Ostseite des Familienanbaus befindet sich ein einfaches rundbogiges Portal, darüber zwei kleine stehende Vierpassblenden und ein Fächerfenster mit kleinen eingestellten Sprossen in einer Rundbogenblende.

Das Untergeschoß der Apsis ist völlig schmucklos und glatt. Das obere Geschoß ist durch Lisenen in flache quadratische Felder gegliedert, in denen sich je ein stehendes Vierpassfenster öffnet. Der östliche Chorgiebel wird von einer Scheibe mit einem Ankerkreuz bekrönt.

Die nördliche und die westliche Seite der Kapelle sind außen etwas schlichter gehalten als die Schauseiten nach Süden und Osten. Der Stirnseite des nördlichen „Querhauses“, des Sakristeianbaus, ist mittig ein halbrundes, zur Orgelempore über der Sakristei führendes Treppentürmchen vorgelegt, welches Vierpassfenster unter Rundbogenblenden auf Säulchen hat. Der Giebel trägt hier ein Johanniterkreuz –Ernst von Mirbach war Ritter des Johanniterordens- sowie die Jahreszahl 1898. Diese Zahl verweist auf die Einweihung der Erlöserkirche in Jerusalem durch Wilhelm II.

Die Nordseite des Langhauses ist analog zur Südseite dreijochig gegliedert. Da hier die vorgelegte Vorhalle fehlt, sind hier alle drei Joche gleich gestaltet, mit je zwei Rundbogenfenstern zwischen Strebepfeilern.

Die Westfassade mit ihrem großen Dreiecksgiebel ist, wie die Ostpartie der Kapelle, durch ein Gesims in zwei Geschosse geteilt, im Gegensatz zu diesen aber äußerst schlicht gehalten. Unterhalb des Gesimses befinden sich drei schmale Fenster und im Giebel eine kleine Doppelblende. Vor allem ist diese Fassade durch einer große Fensterrose durchbrochen: eine große Rundblende umfängt neun Rundfenster von denen acht kleinere um ein größeres, zentrales angeordnet sind.

Der Vierungsturm ragt auf einem dem darunter befindlichen Chorjoch entsprechenden quadratischen Sockel achteckig auf. Der Turmschaft ist zweigeschossig gegliedert. Das untere Geschoß ist bis auf wenige, schießschartenartige Öffnungen völlig geschlossen. Es schließt nach oben mit einem Rundbogenfries unter einem Gesims ab. Das obere, niedrigere Geschoß weist große rundbogige Schallöffnungen auf und schließt nach oben mit einem Kranz von Kragsteinen und einem weiteren Gesims ab. Darüber erhebt sich ein Kranz von acht kleinen Dreiecksgiebeln, auf denen wiederum der achtseitige Turmhelm aufragt.

Die Kapelle ist aus Ziegel errichtet. Das Äußere ist über einen Sockel aus schwärzlicher Basaltlava aus Niedermendig mit Tuffstein –ebenfalls aus Niedermendig- verkleidet. Fenster- und Türeinfassungen sind aus hellem Sandstein aus der Nähe von Aschaffenburg. Die Bauplastik wurde von dem Berliner Bildhauer Rudolf Bauer geliefert.

Das Innere der Kapelle und seine Ausstattung

Das Innere der Vorhalle ist sehr einfach gehalten. Es läßt noch nichts von der geradezu verschwenderischen Pracht des eigentlichen Kirchenraumes ahnen. In der Vorhalle befinden sich ein überarbeiteter Wappenstein des Trierer Erzbischofs Johann VII. von Schönenberg von der ehemaligen kurfürstlichen Mühle in Hillesheim und ein Adler mit dem Hohenzollernwappen und der Inschrift „WILHELM II. I.R.“. Das Tympanon über dem Portal zum Kirchenraum ist mit Flechtwerk gefüllt und trägt ein Eisernes Kreuz mit einem Medaillonbild Kaiser Wilhelms I.

Das einschiffige Innere der Kapelle ist kreuzgratgewölbt und durch ein umlaufendes Sandsteingesims mit Blattwerk zweigeschossig  gegliedert. Schon auf den ersten Blick beeindrucken der ungewöhnliche Reichtum und die Vielfalt der Farben und Materialien. Der prächtige Mosaikschmuck wurde angefertigt –und nahezu vollständig gestiftet- von der Firma Puhl & Wagner in Rixdorf bei Berlin, dem heutigen Berlin-Neukölln, welche u.a. auch den Mosaikschmuck der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin geschaffen hatte. Die Bildhauerarbeiten im Inneren der Kapelle wurden, wie die Bauplastik außen auch, sofern im Folgenden nicht anders angegeben, von dem Berliner Bildhauer Rudolf Bauer ausgeführt.

Das Langhaus wird durch zwei Gurtbögen dreijochig geteilt. Die Gurtbögen ruhen auf Säulen aus rotem Marmor aus dem Fichtelgebirge mit Sandsteinkapitellen und sind reich ornamentiert. Der westlichere Gurtbogen trägt an seinen unteren Enden jeweils die Initialen von Kaiser Wilhelm II. und von Kaiserin Auguste Viktoria. Der östlichere Gurtbogen zeigt zwei Maikäfer, entweder Verweis auf das „Maikäferregiment“, dem Ernst von Mirbach angehörte, oder –so Ernst von Mirbach- Verweis auf das starke Maikäferaufkommen in der Eifel im Sommer 1903: „ein Bildhauerscherz“ (v.Mirbach 1903, S.15). Das Maikäfermotiv erscheint übrigens auch im bildhauerischen Schmuck der Gerolsteiner Erlöserkirche am Portal.

Die Längswände des Langhauses tragen an der Nordseite den Einsegnungsspruch Ernst von Mirbachs „DENN ALLES WAS VON GOTT GEBOREN IST ÜBERWINDET DIE WELT UND UNSER GLAUBE IST DER SIEG DER DIE WELT ÜBERWUNDEN HAT“ und an der südlichen Seite seinen Trauspruch „WIR WISSEN ABER DASS DENEN DIE GOTT LIEBEN ALLE DINGE ZUM BESTEN DIENEN“.

Über dem Portal im hinteren Teil des Langhauses befindet sich ein Tympanon mit einer Darstellung des segnenden Christus, der von knienden Mitgliedern der Familie von Mirbach in historischen Kostümen umgeben ist: rechts Ernst von Mirbach in Johannitertracht und sein ältester Sohn Magnus in Ritterrüstung, links Gabriele von Geldern-Egmont mit einem Modell der Kapelle und Camilla von Mirbach. Unter dem Relief die Inschrift „KOMMET HER ZU MIR ALLE“. Das Tympanon wird von einem ornamentierten Wulst eingefaßt. Über dem Portal der hl.Sebastian (Bildhauer A.M.Wolff, Berlin), Hauptpatron der alten Mirbacher Kapelle. Links des Portals trägt eine Konsole, die die Büste des Architekten Max Spitta darstellt, ein Weihwasserbecken. Rechts des Portals eine Porträtkonsole, welche den Kopf des Bauherrn Ernst von Mirbach darstellt. Eine Sandsteinfigur der hl.Luzia aus der alten Mirbacher Kapelle stand auf dieser Konsole bis sie 1969 gestohlen wurde.

Im hinteren Teil des Langhauses befinden sich ferner zwei Eichenbänke, die ebenfalls aus der alten Kapelle stammen, der Taufstein und der Beichtstuhl, dessen Schnitzwerk die Wappen der Mirbach und Orban –also des Bauherrn und seiner Gemahlin- aufweist (Entwurf: Riegelmann).

Die Verglasung der Fensterrose (Entwurf: Geiges) ist eine Schenkung von Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria, deren Wappen sich in dem großen Mittelfenster befinden. Die acht übrigen Fenster zeigen die Wappen „derjenigen Landesherren in der Eifel, deren Unterthanen die Mirbachs gewesen sind“ (v.Mirbach 1903, S.15f). Dies sind, von oben im Uhrzeigersinn, Hohenstaufen, Jülich, Manderscheid, Kurtrier, Habsburg, Kurköln, Blankenheim und Are.

Die Rundbogenfenster im Langhaus (Entwurf: Oetker) wiesen ein umfangreiches genealogisches Programm auf. Sie enthielten „die Wappen der Mirbachs und ihrer Frauen von ältester Zeit an (...) in ununterbrochener Reihenfolge, ferner alle Mirbach’schen Besitzer der Güter in Mirbach und Wiesbaum, endlich die Wappen einiger nahe stehender Mirbach’scher Verwandten, sowie mehrerer um den Bau der Kapelle verdienter Freunde“ (v.Mirbach 1903, S.16). Diese Scheiben wurden im Zweiten Weltkrieg bis auf drei durch Artilleriefeuer –der Turm der Kapelle war Beobachtungsstand- zerstört.

Das Chorjoch ist gegenüber dem Langhaus leicht eingezogen. Es ist „der Glanzpunkt der Kapelle. Hier ist Alles vereinigt, was edele Baukunst, herrliches Material, feinste Bildhauerei, glänzende Mosaikkunst und Glasmalerei an Schönem hervorzubringen vermögen (v.Mirbach 1903, S.21). Da die beiden seitlichen Anbauten, der südliche Familienanbau und der nördliche Sakristeianbau zum Chorjoch hin weitgehend geschlossen sind, tritt die für das äußere Bild der Kapelle so charakteristische Kreuzform innen nicht in Erscheinung, so daß man nicht eigentlich von einer „Vierung“ sprechen kann, wie Ernst von Mirbach es tut. Die vier kräftigen Eckpfeiler des Chorjoches tragen Gurtbögen, auf denen die Turmkonstruktion ruht. Zwischen den Gurtbögen ist eine Hängekuppel gespannt. Sie ist vollständig mit Goldmosaik gefüllt, welches in der Mitte ein Christuszeichen in blauem Mosaik und weiter außen Medaillonbrustbilder der Evangelisten tragen. Die Evangelisten tragen aufgeschlagene Bücher mit Bibelstellen.

Unterhalb des umlaufenden Frieses sind die Seitenwände des Chorjoches analog gestaltet. An der Nordseite steht auf einem Sandsteinsockel eine Folge von fünf Rundbögen auf sechs Säulen. Die Säulenschäfte sind aus schwarzem Labrador, Kapitelle und Bögen, beide reich und individuell ornamentiert, aus Sandstein. Vier der Bogenfelder weisen in Mosaik auf Goldgrund (Entwurf: Geiges) vier Engel mit den Leidenswerken Christi auf: Geißelsäule, Dornenkrone, Hammer und Nägel, Lanze und Essigschwamm. Das Schilfrohr, welches der Engel mit der Dornenkrone außerdem trägt, soll Christus als demütigende Umformung eines Zepters in die Hand gedrückt worden sein.

Der fünfte der Rundbogen nimmt die Tür zur Sakristei auf, die mit Leder, Eisenbeschlägen und einer geschnitzten Darstellung des Osterlamms verziert ist.

Über der Rundbogenreihe öffnet sich der Gurtbogen zur Orgelempore. Die Orgel, welche die Öffnung fast völlig ausfüllt, ist ein Geschenk des „verdienstvollen und berühmten“ (v.Mirbach 1903, S.22) Hoforgelbaumeisters Sauer aus Frankfurt an der Oder. Die Orgel hat sechs Register, 312 Pfeifen und eine Kontraktion. Die Holzbrüstung vor der Orgel trägt originelle kleine Engelsfiguren.

Auch die südliche Seitenwand des Chorjoches weist eine fünffache Bogenstellung auf, die hier allerdings offen ist und als Arkade in die dahinter liegende Familienloge führt. Wie an der Nordseite sind auch hier die Säulen aus schwarzem Labrador und Kapitelle und Bögen reich verziert aus weißem Sandstein. Die Säulen sind hier allerdings paarig, also jeweils doppelt hintereinander gestellt. Der Gurtbogen über der Arkade ist an der Südseite mit Sandstein geschlossen. Die große Rundbogenfläche ist von Ornamentfriesen eingerahmt und trägt ein Jerusalemer Kreuz: vier kleine Kreuze in den Winkeln eines größeren Krückenkreuzes, Abzeichen der Ritter vom Heiligen Grabe und Verweis auf die fünf Wunden Christi. Das Kreuz trägt wiederum ein Medaillon mit den Initialen Wilhelms II. und wird von einem Alpha und einem Omega flankiert.

Der Tonfliesenfußboden im Chorjoch ist besonders reich gestaltet. Er ist „nach einem Originalplan in der bei der Wiederherstellung der Marienburg in Preußen angewandten Technik hergestellt“ (v.Mirbach 1903, S.23). Die Fliesen wurden von den Siegersdorfer Werken in Schlesien geliefert und verlegt.

Der breite Triumphbogen zwischen Chorjoch und Apsis schmückt ein Mosaikband mit goldenem Rankenwerk und Passionsblumen und Edelweiß -den Lieblingsblumen von Gräfin Gabriele von Geldern-Egmont- auf grünblauem Grund.

Die Apsis ist bis auf den Sandsteinsockel und den auch hier umlaufenden Fries vollständig ausmosaiziert. Unterhalb des Frieses befindet sich ein Teppichmuster, in welches –ebenfalls in Mosaik- eine dem 1902 verstorbenen Architekten der Kapelle, Max Spitta, gewidmete Inschrift einbezogen ist. Die Apsiskalotte ist mit einem prachtvollen Rankenwerk auf Goldgrund gefüllt. Das Motiv erinnert an das berühmte, freilich viel aufwendigere, Apsismosaik von San Clemente in Rom. Dort versinnbildlicht das Rankenwerk die Worte Christi „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“ versinnbildlicht; hier ist es doch mehr dekorativ aufgefaßt. Das Rankenwerk wird durch die drei Apsisfenster durchbrochen: stehende Vierpässe, die von runden Sandsteinblenden eingefaßt werden. Das Mittelfenster zeigt das Antlitz Christi, das linke Fenster die Wappen Mirbach – Orban, das rechte Fenster die Wappen Geldern – Mirbach (Stiftung und Entwurf: Geiges).

Die Kartons zu den Mosaiken wurden von dem Berliner Maler A.Oetken geschaffen und gestiftet.

Der Altar aus weißem französischem Larisandstein wurde von Kaiser Wilhelm II. und Kaiserin Auguste Viktoria gestiftet. Der Unterbau des Altares, die Mensa, weist an der Stirnseite drei Mosaikfelder auf, die in der Mitte ein weißes Johanniterkreuz auf Goldgrund, links Ähren und rechts Reben –Brot und Wein- darstellen. Außen befindet sich noch je eine Säule aus Cipolino-Marmor. Auf der Mensa erhebt sich ein Tabernakelaufbau. Dieser steht auf einem rechteckigen Sockel mit einem ornamentalen Mosaikfries und ist oben rundbogig geschlossen. Der den eigentlichen Tabernakel einfassende Rundbogen trägt ein weiteres ornamentales Mosaikband und ruht beidseitig auf  paarweise angeordneten Onyx-Säulchen –einem Geschenk der Saalburger Werke- mit Sandsteinbasen und –kapitellen. Das Rundbogenfeld über der Tabernakeltür ist wiederum mit einem Mosaikfeld, welches die Taube des Hl.Geistes zeigt, gefüllt. Die Tabernakeltür selbst, geschaffen und geschenkt von dem Berliner Bildhauer Riegelmann, aus Eichenholz, welches von der Saalburg im Taunus stammt, geschnitzt, ist mit weißem Leder ausgelegt und mit Bronzeverzierungen und Edelsteinen geschmückt. Im Mittelpunkt stehen die Buchstaben Alpha und Omega.

Altarkreuz –eine Stiftung eines Geheimrates Professor Lothar Krüger aus Potsdam und seiner Frau-, Monstranz und andere Altargeräte stammen aus der Werkstatt des Kölner Hofjuweliers Wüsten. Ein weiteres Kruzifix, ein Kelch und Altarleuchter wurden bereits 1892 von Elisabeth von Mirbach, der Mutter der Gabriele von Geldern-Egmont, und ihrer Tochter gestiftet.

Die Kanzel besteht aus einem achteckigen, kelchförmigen Kanzelkorb, der auf einem liegenden Löwen steht. Dieses Motiv könnte nach Ernst von Mirbach vom Nordportal der Stiftskirche in Königslutter angeregt sein, wo ruhende Löwen die Säulen des Portals tragen. Am Aufgang befindet sich ein Adler mit einem Hohenzollernwappen. Die Wände des Kanzelkorbes sind mit rundbogigen Einlagen aus grünlichem Cipolino-Marmor –Überreste der Wandverkleidung der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche- gefüllt.

Die künstliche Burgruine

Ernst von Mirbach sah als Stammsitz seiner Familie ein Burghaus Mirbach, dessen Alter er auf die Zeit der ersten urkundlichen Erwähnung des Geschlechtes, also ins 13.Jahrhundert, zurückführt: „Es lag einsam und entlegen, wie noch jetzt, mitten in einem wenig welligen Terrain der Hochebene zwischen Feldern, Wald und Wiesen“, geschützt von Gräben und dicken Mauern und kleinen Fenstern. „Es muß sehr früh zerstört oder verlassen worden sein“, vielleicht schon im 13. oder 14.Jahrhundert (v.Mirbach 1903, S.37).

Die außerhalb des Ortes gelegenen Mauerreste, die den jungen Ernst von Mirbach so faszinierten, dienten den Bauern der Umgebung „seit Menschengedenken“ als Steinbruch, so daß sie 1860 „so weit abgetragen [waren], daß die Fundamente zugeworfen wurden und darüber eine Wiese angelegt werden konnte“ (v.Mirbach 1903, S.39). Um die Reste einer Burg handelte es sich dabei allerdings nicht, vielmehr dürfte es sich um ein Bauernhaus gehandelt haben, womöglich durch einen Graben gesichert, vielleicht der schon 1671 verfallene Ober- oder Simonshof.

Der Kapellenneubau veranlaßte Ernst von Mirbach, auch die vermeintliche Burg, den Stammsitz der Familie, wiedererstehen zu lassen. Kreisbaumeister Krahe ließ 1902 die Fundamente freilegen und im Anschluß daran wurde darauf eine künstliche Burgruine errichtet.

Künstliche Burgruinen kamen in England in 18.Jahrhundert auf. Sie dienten als stimmungsauslösende Architekturstaffage in Landschaftsparks, gleichzeitig aber auch als Vergangenheitsbeschwörung. Deutsche Beispiele sind die Löwenburg auf der Wilhelmshöhe in Kassel und die Burgruine in Wilhelmsbad bei Hanau. Die Mirbacher Burgruine ist ein später Nachzügler dieses Architekturtyps. Indem hier nicht eine unversehrte Burg rekonstruiert wurde, sondern eine Ruine, wurde gleichsam das Bild eines seit lange verlassenen Familienstammsitzes inszeniert, den eine jahrhundertelange Geschichte verfallen hinterlassen hat: nicht nur die Burg selbst, sondern auch ihr historisches Schicksal wurde wieder sichtbar gemacht: „So steht die Burg unserer Ahnen, nicht im Traume, sondern in Wirklichkeit vor uns“ (v.Mirbach, S.40). Allerdings ist die Burgruine heute in einem beklagenswerten, tatsächlich ruinösen, Zustand.

Im Mauerwerk der künstlichen Burgruine wurde altes Material verarbeitet: vor Ort entdeckte Steine, römische Ziegel, ein Grabstein aus der alten Kapelle, Architekturfragmente aus der Hillesheimer Burg und eine spätgotische Fenstereinfassung aus der Burg Kerpen. Die Verwendung dieser Fragmente soll die Fiktion einer jahrhundertealten Geschichte unterstreichen.

Ernst von Mirbach zahlte auch wenigstens zu großen Teilen das 1905 eingeweihte Mirbacher Schulhaus. 1908 – 1909 ließ er einen Wohnhausanbau als Urlaubswohnung anfügen. Auf den Bauherrn verweist ein stilistisch an die Erlöserkapelle anschließender Erker mit zwei gekuppelten Rundbogenfenstern mit Mittelsäule und Mirbach’schem Wappen. Ernst von Mirbach hat dieses Haus nie bewohnt, sondern stellte es dem örtlichen Revierförster zur Verfügung.

Die Mirbacher Kapelle – ein Werk der Neuromanik.

Die historisierende Architektur des 19.Jahrhunderts wurde lange, im Rheinland maßgeblich unter dem Eindruck des Weiterbaus des Kölner Domes ab 1842, durch die Neugotik bestimmt. Der Rückgriff auf Formen der Romanik war eher eine Ausnahme und tauchte vor allem in Gestalt des „Rundbogenstiles“ auf,  der allerdings eher frühchristlich-byzantinische und italienisch-romanischen Elemente variierte als Formengut der deutschen Romanik, und zumeist in einer klassizistischen Grundhaltung verharrte. Auf Schinkel zurückgehend, ist dieser „Rundbogenstil“ u.a. durch Friedrich von Gärtner in München (Ludwigskirche) und durch Heinrich Hübsch in Karlsruhe (ehem.Polytechnikum; Kunsthalle) vertreten. Im Rhein-Mosel-Raum ließen Johann Claudius von Lassaulx (Pfarrkirchen Vallendar, Stolzenfels, Güls, Kobern, Valwig) und Ferdinand Nebel (Pfarrkirche Urbach/Westerwald) erkennbar Einzelformen der rheinischen Romanik in ihre ebenfalls noch klassizistisch empfundenen Kirchenbauten einfließen.

Die Gründung des Deutschen Reiches förderte die Begeisterung für romanische Architektur, die man nun als besonders und spezifisch „deutschen“ Stil –im Gegensatz zu der als „französisch“ empfundenen Gotik entdeckte. Vor allem Kaiser Wilhelm II. begeisterte sich für die Baukunst der Romanik, insbesondere die der der Stauferzeit. Mit der Verwendung romanischer Formen strebte das neue Kaiserreich eine Verknüpfung mit der staufischen Kaiserzeit an, die es als Vorbild für die eigene nationale Größe sah. In aufwendigen neuromanischen Bauten, wie dem preußischen Regierungsgebäude in Koblenz oder in der mehr oder weniger frei interpretierenden Rekonstruktion wichtiger mittelalterlicher Bauten, wie der Goslarer Kaiserpfalz und der Burg Dankwarderode in Braunschweig, stellte man sich gezielt in die Kontinuität mittelalterlichen Herrschertums mit seiner Machtfülle und legitimierte so seinen eigenen Machtanspruch. Georg Dehios Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler (Band Rheinland-Pfalz, Saarland) wertet die Mirbacher Kapelle als „bezeichnendes Beispiel der unter Wilhelm II. geförderten‚ staufischen Renaissance’ als Ausdruck des Traditionsanspruches des Reiches“ (Dehio Rheinland-Pfalz, S.682).

Als Vorsitzender des Evangelischen Kirchenbauvereins, der besonders staufische Bauformen propagierte, war Ernst von Mirbach ein wichtiger Anreger jener „staufischen Renaissance“. Romanik war für ihn „[jene herrliche] Bauform, die zwar aus dem Orient, aus Italien und von altrömischen Bauten entlehnt ist, aber sich schon dort unter dem Einfluß der eingewanderten Deutschen, vor Allem der Ostgothen unter Theodorich dem Großen in Ravenna, reich entwickelte, dann aber in Deutschland ganz eigenartig weiter ausbildete und unter den Hohenstaufen ihre höchste Blüthe erreichte, die an ernster Würde, Reichthum der Formen, tiefem und auch fröhlichem Empfinden alle andere Baustyle übertrifft“ (v.Mirbach 1903, S.10). Die Wahl romanischer Formen in Mirbach kann durchaus als persönliche Äußerung des Bauherrn verstanden werden.

Als besonders aufwendiger Typus der repräsentativen Architektur entstanden an mehreren Orten „Denkmalkirchen“, darunter die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin und die Erlöserkirche in Gerolstein. In ungewöhnlich monumentalem Formen, unter Verwendung edelster Materialien und mit prachtvollen Mosaiken und aufwendiger Bauzier wird bei ihnen die Funktion als Kirche überlagert von der politischen Funktion der Selbstdarstellung des neugegründeten Kaiserreiches und der Manifestation der insbesondere von Wilhelm II. postulierten Verbindung von Thron und Altar. So wird in der Gerolsteiner Kirche die ja ebenfalls auf Initiative Ernst von Mirbachs und des Evangelischen Kirchenbauvereins von Franz Schwechten erbaut wurde- die Person Kaiser Wilhelms II. verherrlicht, religiös überhöht und in einen überzeitlichen Kontext gestellt. Größe und Aufwand der Kirche richteten sich „nicht nach den Bedürfnissen der Gerolsteiner Gemeindemitglieder“, sondern waren „dem Repräsentationswillen des wilhelminischen Herrscherhauses unterworfen“ (Daners 2000, S.21). Nicht zufällig nahm Wilhelm II. an der Einweihung der Gerolsteiner Kirche am 15.Oktober 1913 teil.

In ähnlicher, wenn auch weitaus intimerer Weise, wird in der Mirbacher Erlöserkapelle die religiöse Funktion geprägt und teilweise überlagert von ihrem Charakter als Ehrenhalle und Familiendenkmal voller beziehungsreicher Anspielungen und Verweise auf den Bauherrn, seine Familie und auf Kaiser und Kaiserin. Insofern ist auch sie als „Denkmalskirche“ zu verstehen, in der sich die Familie von Mirbach selbst darstellt.

Die Neuromanik kopierte ihre mittelalterlichen Vorbilder nicht, sondern griff ihre Einzelformen auf und variierte sie frei und oftmals außerordentlich phantasievoll. Insbesondere im Rheinland mit seinen zahlreichen und formenreichen romanischen Kirchen bot sich eine geradezu unendlich scheinende Formenvielfalt, auf die zurückgegriffen werden konnte. Besonders aufwendige Beispiele hierfür sind die Herz-Jesu-Kirche in Koblenz und St.Elisabeth in Bonn. An anderen Kirchen, beispielsweise an St.Michael in Köln und an der Gerolsteiner Erlöserkirche werden in hohem Ausmaße italienische oder byzantinische Motive rezipiert.

Zu den besonders qualitätvollen neuromanischen Kirchenbauten des Rheinlandes gehört zweifellos auch die Erlöserkapelle in Mirbach. Ihr Formenreichtum schöpft überwiegend aus der rheinischen Romanik. Ernst von Oidtmanns Aussage, die in der Kapelle einen Fremdkörper in der Eifel sehen will, ist insofern nicht völlig haltbar. Der achteckige Vierungsturm mit einem oberen Abschluß aus kleinen Dreiecksgiebeln könnte von St.Andreas in Köln, vom Bonner Münster, von St.Peter in Sinzig oder von St.Margareta in Düsseldorf-Gerresheim angeregt worden sein. St.Peter in Sinzig könnte die Silhouette der Mirbacher Kapelle angeregt haben. Die Form der Fensterrose greift die der Fensterrose an der Westfassade des Limburger Domes auf. Die zweigeschossige Außengliederung der Apsis erinnert entfernt an das rheinische Motiv des Etagenchores. Vierpaßfenster kommen an zahlreichen rheinischen Kirchen vor, u.a. in Kaiserswerth, Schwarzrheindorf, Andernach, Linz und an der Bernhardskapelle der Abteikirche in Brauweiler. Doppelsäulchen, die in Mirbach die Bogenstellung zwischen Chor und Familienloge tragen, kommen in der romanischen Architektur des Rheinlandes an Zwerggalerien (Westturm Maria Laach), Laufgängen (St.Aposteln Köln innen) und Kreuzgängen (Brauweiler, Paradies Maria Laach) vor.

Das Motiv der dreifachen Rundbogenstellung unter einer überfangenden großen Rundbogenblende, welche die Fassade des Familienanbaus so markant dominiert, taucht als Drillingsarkade u.a. an rheinischen Kreuzgängen (Brauweiler oder der abgebrochene Kreuzgang von St.Aposteln in Köln) auf. Vorbildhaft könnten hier aber eher die Dreifenstergruppen an der Fassade der Goslarer Kaiserpfalz gewirkt haben. Am Familienanbau der Herren von Mirbach stellt dieses Motiv einen sicherlich nicht zufälligen Bezug zu einer Architektur her, die in engem Zusammenhang mit dem mittelalterlichen Kaisertum steht.

Schluß

Die Mirbacher Erlöserkapelle ist in mehrfacher Hinsicht ein ungewöhnliches und bedeutendes Baudenkmal. Zunächst kombiniert sie in origineller und qualitätvoller Weise Formengut aus der rheinischen Romanik mit dem künstlerischen Anspruch der großen wilhelminischen Denkmalskirchen. Eigenartig aus heutiger Sicht mutet ihr Charakter als Mirbachsches Familiendenkmal an, dessen Gestaltung nur aus der Person des Bauherrn und seine Tätigkeiten verstanden werden kann und dessen theologisches Programm sich auf ihn, seine Familie und auf Kaiser und Kaiserin bezieht. Einmalig macht die Kapelle schließlich ihr nahezu vollständiger Erhaltungszustand, der angesichts der jahrzehntelangen Geringschätzung historistischen Kirchenbaus und den damit verbundenen Purifizierungen den Besucher heute wieder fasziniert. So präsentiert sich die Erlöserkapelle als aussagekräftiges Denkmal des Kunst- und Kirchenbauverständnisses im wilhelminischen Deutschland und ist als solches von einer weit über die Eifel hinausreichenden Bedeutung. Ihre Erhaltung und Pflege muß weiterhin ein Anliegen bleiben!

Literatur:

Ernst Freiherr von Mirbach: Die Freiherren und Grafen von Mirbach. Ueberblick über die Geschichte des Geschlechtes und Darstellung des Zusammenhanges der noch blühenden Linien nebst Angabe der Mitglieder derselben. Berlin 1887.

Ders.: Geschichte des Geschlechtes Mirbach. Teil I: Allgemein Geschichtliches und Geschichte der Familie. Potsdam 1911. – Teil II: Die Erlöser-Kapelle zu Mirbach in der Eifel. Berlin 1903. – Teil III: Die Urkunden und Nachrichten über das Geschlecht Mirbach. Berlin 1914 / 1918.

Clemen, Paul (Hrsg.): Die Kunstdenkmäler der Rheinprovinz. Bd. 12, III: Die Kunstdenkmäler des Kreises Daun (bearb. v.Ernst Wackenroder). 1928.

Mann, Albrecht: Neuromanik. Eine rheinische Komponente im Historismus des 19.Jahrhunderts. Köln 1966.

Wagner, Herbert: Mirbach in der Eifel. (=Rheinische Kunststätten, Heft 246). Neuss 1980.

Trier, Eduard / Weyres, Willy (Hrsg.): Kunst des 19.Jahrhunderts im Rheinland. Bd.1: Architektur. Kultusbauten. (bearb. v. Hannelore Künzl, Axel Hinrich Murken u.a.). Düsseldorf 1980.

Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Rheinland-Pfalz, Saarland (bearb. v. Caspary, Götz u.a.). München / Berlin 2/1984.

Gundermann, Iselin: Ernst Freiherr von Mirbach und die Kirchen der Kaiserin. (=Hefte des Evangelischen Kirchenbauvereins, Heft 9). Berlin 1995.

Daners, Peter: Die evangelische Erlöserkirche in Gerolstein. (=Rheinische Kunststätten, Heft 445). Neuss 2000.

Kaufmann, Klaus: 100 Jahre Erlöserkapelle Mirbach. Mirbach 2003.

[1] Die Erlöserkapelle ist nicht genau in West-Ost-Richtung ausgerichtet. Ihre Achse verläuft vielmehr von Südwesten nach Nordosten. Die von mir hier zur Beschreibung der Kapelle verwendeten Richtungsbezeichnungen orientieren sich an der traditionellen Ausrichtung insbesondere mittelalterlicher Kirchen, derzufolge sich der Chor im Osten befindet. Demnach befindet sich der Eingang zur Kapelle im Süden und die große Fensterrose in der Westwand.